Deutsch für Freiburger


Integration heißt: Meine Wahlheimat muss auch von mir lernen

Ich als Freiburger

Von Martin Jost

Martin denkt ernsthaft nach.

»Ich möchte nur, dass wir alle uns besser verstehen.«

Freiburg. (of/majo) Ich mag Alemannisch sehr. Ich bilde mir ein, ich verstehe es gut, selbst wenn jemand in starkem Dialekt spricht. Ich finde den Klang des Alemannischen sympathisch. Und diese Sympathie ist stetig gewachsen, seit ich in Alemannien lebe – obwohl ich, als ich herzog, noch zu denen gehörte, die es vom Schwäbischen nicht unterscheiden konnten, ja sich nicht einmal bewusst waren, dass es da einige Differenzen gibt.

Sprachkurs

Ich will niemanden beleidigen, wenn ich das sage. Vielmehr habe ich sogar aktiv versucht, mich zu integrieren. Ich habe einen Alemannisch-Kurs am Sprachlehrinstitut der Universität Freiburg absolviert. (Den gibt es wirklich!) Ich und ein Haufen Amerikaner, die zwar Deutsch an sich gut konnten, aber ihre Freundinnen aus dem Südbadischen ums Verrecken nicht verstanden.

Besonders mag ich am Alemannischen seine grammatischen Eigenheiten, die oft viel logischer sind als die hochdeutsche Grammatik. Zum Beispiel sagt man hier »Es hat noch Kekse« statt »Es gibt noch…«. Denn niemand gibt in Wirklichkeit, wie die Hochsprache unterstellt, vielmehr ist es.

Logischere Grammatik, schnuckelige und sympathische Phonetik – aber Alemannisch hat auch seine Schwächen, die ich hier kurz anprangern möchte.

Reichtum einer Sprache

Bewusst und unbewusst messe ich den Reichtum einer Sprache oft daran, wie viele differenzierte Worte für die kleinen feinen Unterschiede zwischen den Dingen sie hat. Alemannisch ist hier sehr schwach auf der Brust – im Gegensatz zu dem Deutsch, das ich kennen gelernt habe, werden zahlreiche Worte in Baden für viele verschiedene Dinge verwendet, die man doch besser mit unterschiedlichen Worten bezeichnen sollte. Nicht nur, weil es schön ist, viele Worte zu kennen, sondern weil es auch die Verständigung genauer werden lässt.

Bitte sagt auch halten

Zum Beispiel das Verb hebe(n). Mein erstes großes badisches Missverständnis hatte ich mit einem Kollegen, als wir das Retten von verunfallten Motorradfahrern übten. Wir nahmen ihm zu zweit den Helm ab und an einem Punkt übergab er mir den Kopf und sagte »Hebst du mal bitte?« Und ich antwortete: »Nein, den Kopf darf man nicht heben.« Er meinte heben als Synonym für ruhig halten. Ich verstand unter Heben nur das aktive Erhöhen. Nun soll man den Kopf eines bewusstlosen Motorradfahrers aber zum Schutz bei möglichen Halswirbelsäulenverletzungen eben gerade weder fallen lassen noch anheben, sondern die Wirbelsäule lang und auf einer Ebene halten. Mein Kollege meinte das eigentlich auch, aber ich verstand nur Anheben. Ein Dolmetscher musste intervenieren. Unser Streit kochte so hoch, dass mein Kollege mich vielleicht geschlagen hätte, hätte er nicht die ganze Zeit den Kopf halten müssen.

Wenn Badener immer heben statt halten sagen, weiß man nie, was von beidem man jetzt tun soll. Dabei steht uns doch für beides ein eigenes Wort zur Verfügung.

Bitte benutzt auch nachmittags

Ein Beispiel, bei dem es nicht um Leben und Tod geht, mit dem man sich aber böse missverstehen kann, ist das Wort mittags. In Baden ist alles mittags was ungefähr zwischen 12:00 und 17:30 Uhr liegt. Also Mittag plus der ganze Nachmittag. Wenn dir ein Badener sagt: »Ich schicke dir das Dokument am Mittag«, dann meint er eher »am frühen Abend«. Warum sagen Alemannen nicht einfach nachmittags? Die meisten anderen Menschen, die eine Form von Deutsch sprechen, benutzen mittags für die Siesta von zwölf bis eins. Eine Verabredung um Mittag wäre punkt High Noon. Ein Badener, der ankündigt, er käme am Mittag mal vorbei, wird einen zähneknirschenden Hochdeutschen antreffen, wenn er dann um halb fünf endlich mal erscheint – und er wird sich gar nicht bewusst sein, dass er seinen Gastgeber versetzt hat.

Bitte sagt auch Decke

Weniger Zähneknirschen, aber trotzdem Missverständnisse, provoziert ein Badener, der einen Ausländer bittet: »Bring mir mal bitte einen Teppich.« Wenn er dann einen keimigen Flokati übergeworfen bekommt, ist er ein bisschen selber schuld. Teppiche liegen auf dem Boden oder hängen an der Wand. Für das kuschelige Ding zum Zudecken gibt es die differenzierte Vokabel Decke. Dankeschön.

Der Unterschied zwischen Plastik und Plaste

Der Unterschied zwischen Plastik und Plaste ist nicht nur im Badischen nicht angelegt. Ihn zu begreifen, überfordert auch viele andere Deutsche, die im Kindergarten nicht davon loskamen, zu sagen: »Ich habe aufge-essen.« Merke also ein für allemal: Plastik ist ein dreidimensionales Werk der bildenden Kunst, also zum Beispiel ein Marmorkopf oder diese Metallteile, die seit den Siebzigern überall in den Städten stehen. Plaste ist ein völlig anderes Wort und ist ein Synonym für Kunststoff. Plaste beschreibt also das Material, das aus Erdöl gewonnen wird und aus dem heute viele Alltagsgegenstände gegossen werden. Verwirrend wird es erst, wenn ein Künstler sich entscheidet, eine Plasteplastik zu schaffen.

Auch hier plädiere ich wieder: Wo es verschiedene Worte gibt um völlig unterschiedliche Sachverhalte zu beschreiben, soll man sich der Vielfalt der Sprache auch ausgiebig bedienen.

Als Eselsbrücke hilft: Plastik kommt von plastisch; Plaste reimt sich auf Elaste (ein Anachronismus für Gummi, dem Plaste ja sehr ähnlich ist.)

Quarktorte, nicht Kaesekuchen

Quarktorte, nicht „Käsekuchen“.

Nicht verhungern, wenn’s geht

Leider werden auch die Backwaren in Alemannien oft sehr falsch benannt. Zum Beispiel nennt man Quarktorte hier Käsekuchen. Und das ist nicht nur unappetitlich, sondern auch völliger Quatsch. Schließlich kommt in Quarktorte ja kein bisschen Gorgonzola, dafür aber jede Menge Pudding und Quark. Schließlich freut man sich bei Quarktorte auf einen kühlen süßen Geschmack. Er ist ein Dessert oder was zum Kaffee. Käsekuchen wäre herzhaft. Neudeutsch heißt Käsekuchen ja sogar Quiche. Bei Käsekuchen würde man Schinken und Spinat als weitere Zutaten erwarten und nicht Rosinen. Und herzhaft passt einfach nicht zum Nachmittagskäffchen. Merkt euch also, liebe Backwarenfachverkäuferinnen: Quarktorte. Und noch was: Wenn ein Hochdeutscher einen Pfannkuchen bestellt, meint er die runden Hefeteigdinger mit Marmelade drinnen, die frittiert aus einer Ölpfanne hervorkommen. Sie Berliner zu nennen, ergibt überhaupt keinen Sinn. Und weil ihr alles verdreht habt, sagt ihr zu Eierkuchen Pfannkuchen. Pfannkuchen, das haben wir aber gerade gelernt, heißen ja schon die Klumpen mit Marmelade drin, also können Eierkuchen doch wohl kaum auch Pfannkuchen heißen. Bitte ein bisschen aufpassen.

Aber keine Angst, ich werde noch oft in Bäckerläden auftauchen und mein Teil zur Sprecherziehung leisten. Schließlich ist Badisch ja nicht auf allen Gebieten so sprachlos: ihr habt ein eigenes Wort für Brötchen und der zusätzliche Reichtum, den das Deutsche durch Weckle gewinnt, geht ganz auf euer Konto.

Dieser Artikel erschien auch auf www.martinJost.eu.

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6 Antworten to “Deutsch für Freiburger”

  1. Noch einer: Wenn ich sage „Ich schaffe nichts“, heißt das: „Mir gelingt nichts“ oder „Die Zeit reicht nicht“. Auf Badisch wäre es „Ich arbeite nix“.

  2. mortiferus Says:

    Ich will ja kein „Düpfeleschiesser“ sein , aber Quark ist Käse – Frischkäse um genau zu sein .

    Und was ich noch vermisst habe : „De Fues“ der badische Fuß geht vom Hüftknochen bis zum Zeh ;).

    Aber sonst ein sehr toller Artikel .

  3. […] die Schaufensterdekoration – Kali’s Halloween-Schmuck – Und noch mehr Halloween-Schmuck 😉 – Deutsch für Freiburger – Und der Vollständigkeit halber in Sachen Halloween: So geht das mit dem […]

  4. Tja, Zeit von den Ossis zu lernen… 😉

  5. Sabine Says:

    Wie Recht du hast…
    Aber bei den Backwaren muss ich protestieren: Käsekuchen sagt man nicht nur im Badischen. Und die runden Hefeteigdinger mit Marmelade drin, sind Berliner Pfannkuchen, Kurzform Berliner. Wenn ein Hochdeutschsprechender Pfannkuchen bestellt, meint er keineswegs immer Berliner.
    Ach ja, und Plaste sagen wohl nur Ossis… 🙂

  6. Meine neue Lieblingsdefinition von Plastik: »Sculpture is what you bump into when you back up to look at a painting.« (Ed Reinhart)

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