Es herbstet


Kulturschock: Vom Stühlinger in die Wiehre

Von Martin Kranz-Badri

Freiburg. (of/mkb) Ein im Badischen fast zweideutig anmutender Satz, beginnt bei uns doch jedes Jahr im September die Weinlese und die dritte Jahreszeit gleichzeitig und immer früher. Dieses Jahr ist schon der August in den Herbst gerutscht. Zum Glück habe ich den Sommer nicht mit Urlaub verplempert. Ich bin umgezogen.

Die Begleiterscheinungen des Umzugs sind zunächst geographischer Natur, ich lebe nun etwa 1 Sek südlicher und östlicher als zuvor. 47°59’42″ nördl. Breite, 7°51’10″ östl. Länge. Doch der Kulturclash ist gewaltig. Vorher Stühlinger, jetzt – in der Wiehre. Zuvor war aufgrund der multikulturellen Ausrichtung seiner Bewohner ein Artikel eher hinderlich – nun: örtlich, bestimmt und weiblich – in der Wiehre. Die Wiehre ist laut Wikipedia „heute ein sehr beliebtes Wohngebiet, vor allem wegen ihres reichen Altbaubestandes, der vergleichsweise ruhigen Straßen und der attraktiven Lage zwischen dem Stadtzentrum und grünen Stadtrandgebieten.“ Und weiter heißt es: „Schon aufgrund der hohen Miet- und Grundstückspreise ist die Wiehre primär ein Wohngebiet der Akademiker und der oberen Mittelschicht.“

Es mag an der südlicheren Lage liegen – aber das tägliche und nächtliche Urlaubsgefühl ist jeden Cent mehr wert. Man ist unter sich, in einem nicht ausschließenden Sinne, jeder ist willkommen. Doch die kulturellen Codes sind klar. Allein die Fenster: Orchidee, Lampe, Gardine. Natürlich sind alle umweltbewusst, aber nicht in diesem sozial-repressiven Sinn sondern dezent. Der gelbe Sack lagert im Keller und wird nur am Vorabend der Abholung rausgestellt. Und wird nicht etwa mit einem neonorangen Zettel versehen auf der Stra0ße gelassen, bis der Wind ihn weiterbläst.

Im Stühlinger richtete man sich regelmäßig neu ein, indem man den Sperrmüll des Nachbarn durchforstete. Auch wir entwickelten einen gewissen sportlichen Ehrgeiz darin. Und zum Abschied aus dem Viertel landete unser halbes Wohnzimmer auf der Straße. Das Häufchen, das die ASF dann am nächsten Morgen noch abholen konnte, war übersichtlich. In der Wiehre muss man sich beim Interieur vorher auf einen Stil festlegen. Wir sind jetzt maritim eingerichtet, Treibholz-Optik kombiniert mit Shabby Chic Look.

Von der Wiehre bis zum Stühlinger, vom Institutsviertel zum Münster: Freiburgs Staddteile sind überraschend unterschiedlich. • Fotos: mkb (o.), majo

In der Sozialromantik des Stühlinger konnte man sich vorstellen: Hinter den Bäumen zwischen den Hochhäusern liegt der Strand, deren Meeresrauschen sich aus Dreisam und Zubringer speist, inklusive Halbstarke auf ihren Mopeds wie in Spanien. Die Wiehre wirkt eher französisch, vor allem am alten Wiehrebahnhof, Mittwoch- und Samstagnachmittag, abends beim Boule – gemütlisch. Wie in Omas Küche, wie das Stühlinger Café Beirut in der Wiehre heißt. Dienstags Leberle sauer. Und ganz sicher, jetzt im Herbst bald: neuer Süßer un e Flammekueche.

Traditionell zum kalendarischen Herbstanfang findet am Samstag der Wiehre-Flohmarkt statt: mal sehen, ob die Nachbarn nen Garderobenständer verkaufen, der in unser Stilkonzept passt.

Post scriptum:

Auf dem Wiehremer Marche aux puces kam man kaum durch, die Kunden waren mäkelig und die Marktgebühr ist gestaffelt nach Lage. Über den Stühlingerkirchplatz flanierte man und konnte die Standgebühr mit einem selbsgebackenen Kuchen drücken. Aber: Je ne regrette rien.

Dieser Artikel erschien auch auf MKB.

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